Ederprojekt 2006 - 2011

Versuche zur Initiierung einer Strukturgüteverbesserung 

mit Selbsthilfemitteln der fischereiberechtigten Angelvereine 

und deren mittelfristige gutachterliche Effizienzüberwachung

 

 

Ausgangslage:

Die Beeinträchtigung unserer Fließgewässer durch Nährstoffe [1] scheint überwunden zu sein, wie die überwiegend der Gewässergüteklasse II zuzuordnenden Gewässerkörper andeuten. Die nachhaltige Versorgung des Wassers mit Sauerstoff ist gesichert bzw. die durch Sauerstoff-Mangelsituationen entstehenden Beeinträchtigungen spielen damit derzeit keine zentrale Rolle mehr. Dennoch sind die Fischbestände qualitativ und auch in der Bestandsstärke nicht in dem erwarteten Maß abundant. Offenbar übersteigt der Rückgang der Fischbestände die durch die Re-Oligotrophierung zu erwartenden Ertragsminderungen. Vorhandene Rekrutierungsdefizite sind vielfach durch Besatz maskiert. Hauptdefizit unserer Fließgewässer ist zurzeit die fehlende Strukturvariabilität, die sich für den Fischbestand als Fehlen von Unterständen, geringe Tiefenvarianz und Strömungsuniformität ausdrückt. 

Die Durchgängigkeit der Fließgewässer soll, obwohl erheblicher Faktor für die Fischbestände, nicht Thema dieser Ausführungen sein. 

Die Durchgängigkeit der Fließgewässer hat jedoch nicht nur eine longitudinale Komponente, sondern betrifft auch die vertikale und laterale Ausdehnung des Wassers in seinem Bett. Das Interstitial (Gewässergrund-Lückensystem) tritt vermehrt in das Interesse der Limnologen. Ähnlich wie der durchwurzelte Bodenraum für terrestrische Pflanzen, der ebenfalls bestimmte strukturelle Voraussetzungen für das Gedeihen der Pflanzen erfüllen muss, ist auch das Interstitial als Lebensraumkompartiment für Fische wichtig. Hier finden die Juvenilstadien verschiedener Arten statt, hier ist der Lebensraum verschiedener Organismenarten, die heterotroph Biomasse erzeugen. Diese Lebensformen sind auf eine nachhaltige Sauerstoffversorgung angewiesen, die durch die Infiltration von Flusswasser gewährleistet werden kann. Nicht von Frischwasser erreichte Bezirke des Interstitials bilden anoxische Räume, in denen heterotrophes Leben nicht möglich ist. Die Durchströmung des Interstitials ist abhängig von der Lagerungsdichte und vom Feinkornanteil des Bodensubstrates. Insbesondere der Feinkornanteil der Gewässerböden steigt, wenn das Gewässer eingetieft ist und bei erhöhten Wasserständen mitgeführte Schwebstoffe sich nicht in der Aue ablagern können. Einzige strömungsberuhigte Zone ist dann das Lückensystem der Gewässerböden, in dem sich die Schwebstoffe absetzen. Eine Verbesserung der Situation durch Hochwässer ist oft nicht erkennbar, weil die verschlammten Grobstrukturen ähnlich wie Waschbeton einen starken inneren Zusammenhalt zeigen und von der fließenden Welle nicht aufgebrochen werden können. Umlagerungen des Gewässerbetts mit einem Trockenfallen kolmatierter Bereiche oder natürliche Geschiebeumlagerungen können nicht mehr im erfoderlichen Maße stattfinden. Die Strukturgüte ist daher stark von der tolerierten lateralen Ausdehnungsfläche des Gewässers und einer Anhebung der Gewässersohle abhängig. Diese Faktoren sind im Rahmen der fischereilichen Bewirtschaftung nicht zu beeinflussen; eine Veränderung im Gewässer kann daher nur die Schaffung von Strukturen betreffen, die einen zeitlich begrenzten Effekt auf die negativen Auswirkungen der schlechten Strukturgüte haben oder Initiale zu einer Veränderung der Gewässerstruktur bilden. 

Die Verbesserung der Strukturgüte in der geplanten Weise kann hierbei zu einer Verbesserung der Lebenssituation unserer Fischbestände führen, wobei 

Ø      der Altersaufbau durch Verbesserungen der Reproduktionsbedingungen gestärkt werden kann,

Ø      die Ernährungssituation durch Vergrößerung des produktiven Interstitialvolumens verbessert wird,

Ø      die Ernährungssituation durch Einbringung oder die erhöhte Retention von partikulären organischem Material (POM) verbessert werden kann,

Ø      Möglichkeiten, das Arteninventar dem potentiell natürlichen Zustand anzunähern durch die Schaffung entsprechender Nischen (Totholz, substratgebundene Tiere),

Ø      die Fischdichte durch eine Erhöhung der Strukturvariabilität (Unterstände) erhöht werden kann und

Ø      die Selbstreinigungskraft des Gewässers durch die Vergrößerung der Inneren Oberfläche des Wasserkörpers erhöht wird,

Ø      Angriffspunkte für die natürliche, hochwasserbedingte Umgestaltung der Gewässersohle geschaffen werden. 

 

Versuchsansätze:

Strukturverbessernde Maßnahmen sollen an drei Stellen im Verlauf der Eder und an einer Stelle im Linspher Bach eingesetzt werden. Hiermit soll der unterschiedlichen biogeografischen Gewässerzonierung (untere Forellenregion, Äschenregion, untere Äschenregion, Forellenregion) und der unterschiedlichen Wasserführung Rechnung getragen werden. Als Probestellen sind die Eder im Pachtlos des Fischereivereins „Vederfischer e.V.“ an der Grenze zu NRW, die Strecke Hatzbachmühle (Fischereiberechtigter Herr RA Karpenstein), Pachtlos Frankenberg Landratsamt (Fischereiberechtigter: Betriebsgemeinschaft Landratsamt) und der Linspher Bach (Fischereiberechtigter Hessenforst, keine Verpachtung) geplant. 

An diesen vier Stellen sollen Einbauten von Holzbündeln [2] und die Spülung des Interstitials vorgenommen werden. Holzbündel sollen aus örtlicher Verfügbarkeit beim Schneiden von Kopfweiden oder ähnlichen Pflegearbeiten gewonnen werden. Die Holzbündel werden mit einer professionellen Bindemaschine mit Kunststoffbändern hergestellt, um eine gewisse Dauerhaftigkeit zu gewährleisten. Die Spülung des Interstitials wird mit eigener Tragkraft-Spritze (TS 8/8, Leistung 800 l/min bei 8 bar Druck, angetrieben mit einem VW- Motor) ausgeführt werden. Die Maßnahmen sollen durch die Fischereiberechtigten unter Leitung des Antragstellers ausgeführt werden. Geplant ist für jede Beprobungsstelle der Einsatz von ca. 10 Personen für einen Tag bei der Interstitialspülung und zweimal 10 Manntage für den Holzschnitt, die Herstellung der Holzbündel und deren Positionierung im Gewässer, so dass 120 Manntage für die Durchführung der Arbeiten angesetzt sind. 

 

Begleituntersuchungen:

Effizienzkontrollen sind für beide strukturverbessernde Maßnahmen getrennt vorgesehen. Die Flächen, die einer Interstitialspülung unterzogen worden sind, sollen einer quantitativen Besiedlungsdichtenkontrolle unterzogen werden. Hierbei sollen Rammkernsonden zur Gewinnung von freeze-core Proben eingesetzt werden, die in einem Layer bis 30 cm unter Gewässergrund einen Kern gewinnen, der anschließend nach Makrozoobenthos-Organismen quantitativ gesichtet und aus dem die Biomasse bestimmt wird. 

Geplant ist als weiterer Parameter, aus der Korngrößenverteilung das Porenvolumen rechnerisch zu bestimmen. Eine Veränderung dieser Größe soll Hinweise auf die Nachhaltigkeit der Interstitialverbesserung geben. 

Als weitere Messgröße, die erfasst werden soll, sind der Einbau und die Beprobung von Sedimentfallen geplant. Derartige Probenahmeeinrichtungen sind bereits mehrfach erfolgreich bei Untersuchungen in der Eder angewandt worden. Sie geben Hinweise auf die Feinstofffracht der Eder, wobei versucht werden soll, Korrelationen zwischen dem Porenvolumenverlust über der Zeit und der Schwebstofffracht zu ermitteln. Bestimmt werden sollen monatlich die Sedimentmenge als Trockengewicht und Glühverlust als Maß für den organischen Anteil.

Direkte Messungen der Sauerstoffgehalte in behandelten und unbehandelten Flächen sind über die Beprobung von Interstitialsonden möglich, mit denen Wasserproben aus beliebiger Sohltiefe gewonnen werden können. Geplant ist der Einbau von Interstitialsonden mit einer Beprobungsteufe von 30 cm, die monatlich gemeinsam mit den Sedimentfallen beprobt werden sollen. 

Als letzte Messgröße soll die Attraktivität der strukturveränderten Fläche auf die Besiedlung durch Makrozoobenthos geprüft werden. Die zu erfassende Größe soll direkt mit den freeze-core-Proben bestimmt werden; die zusätzliche Untersuchung dient der Absicherung der Messergebnisse und ist aufgrund der technisch einfacheren Ausführung in engeren zeitlichen Beprobungsrastern einsetzbar. Es sollen Besiedlungskörper auf den Flächen exponiert werden, die in vorgegebenen Abständen geborgen und deren Besiedlungsdichte in Form der Biomasse der Makrozoobenthos-Organismen bestimmt wird. Da die Besiedlungskörper auf der Gewässerboden-Oberfläche exponiert werden, zeigen sie die Attraktivität des veränderten Habitats, nicht die Qualität des Interstitials selbst. Es ist zu erwarten, dass die Besiedlung an unbehandelten und behandelten Stellen mit denselben Organismengruppen stattfindet, weil die Lebensgrundlagen auf den Besiedlungskörpern gleich sind. Ein Unterschied sollte daher direkt auf die Lebensbedingungen des Mikrohabitats zurückzuführen sein. 

Zusammenfassend sind folgende Begleituntersuchungen der Interstitialspülung vorgesehen:

  • Freeze-core Beprobung und quantitative Bestimmung der Besiedlungsdichte
  • Rechnerische Ermittlung des Porenvolumens nach Siebkornlinie der freeze-core-Proben
  • Einsatz von Sedimentfallen und Interstitialsonden mit monatlicher Beprobung
  • Besiedlungsdichte auf Probenkörpern

Strukturveränderungen, die durch den Einbau von Holzbündeln erreicht werden können, beziehen sich vornehmlich auf die Besiedlungsdichte mit Fischen. Es ist daher als Effizienzkontrolle dieser Maßnahmen vorgesehen, die Flächen und Vergleichsflächen über Elektrobefischungen zu beproben. Hierbei sollen die Flächen mit geeignetem Netzmaterial abgesperrt werden und der gesamte Fischbestand innerhalb der Flächen ausgefangen, vermessen und verwogen werden. Hierbei ist geplant, eine Frühjahrs- und eine Spätsommerbefischung durchzuführen, um 0+ Fische zu erfassen. Eine Befischung mit dem Brutnetz erscheint in diesem Zusammenhang leider wenig Erfolg versprechend, weil die Methode in der Nähe von Astmaterial und stark strukturiertem Gewässergrund ihre Grenze hat. 

Weiterhin geplant ist, im Strömungsschatten der Holzbündel weitere Besiedlungskörper zu exponieren und zu beproben, die eine Verbesserung des Habitats im Hinblick auf die Retention von partikulärem organischem Material darstellen könnten. Hierbei kann der Vergleich mit der Nullvariante möglicherweise die deutlichsten Effekte zeigen.

Der Jahresbericht 2006 ist als .pdf- Datei (3,2 MB) verfügbar.

Der Jahresbericht 2007 ist als .pdf- Datei (7,2 MB) verfügbar. 

[1] Hamm, A. (1991): Studie über Wirkungen und Qualitätsziele von Nährstoffen in Fließgewässern. 830 Seiten

[2] Guthruf, J. & K. Guthruf- Seiler (2005): Ersatzmaßnahmen Äschenlaichplätze Aare Thun, Planung und Erfolgskontrolle. Gutachten im Auftrag der EAWAG, veröffentlicht: http://www.vol.be.ch/lanat/fischerei/pdf/aeschen_05.pdf

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